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Die Magie des ersten Satzes

Sie stöbern in einer Buchhandlung. Auf einem Tisch sind die belletristischen Neuerscheinungen der Saison ausgelegt: Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen … jedes einzelne Buch ein unbekanntes Wesen. Wie machen Sie sich als Leser miteinander bekannt?

Sie nehmen das ein oder andere Buch in die Hand. Sie lesen den Klappentext. Dann, wenn Sie Feuer gefangen haben, öffnen Sie voller Erwartung das Buch … Und nun wird es spannend: Was lesen Sie zuerst? Einige lesen zuerst den letzten Satz. Andere schlagen das Buch mittendrin auf, um eine kleine Passage zu lesen – doch die meisten Menschen lesen zuerst den ersten Satz. Sie auch?

Der erste Satz – oder zumindest der erste Absatz – entscheidet meist darüber, ob wir ein Buch lesen möchten oder nicht. Gelingt es dem Autor, uns mit seinem ersten Satz zu fesseln, zu berühren, zu interessieren, dann sind wir in der Geschichte drin. Der perfekte erste Satz ist wie ein Sog, der uns in die Geschichte hineinzieht. Er darf uns irritieren, er darf uns ein Rätsel aufgeben, er darf die Andeutung eines Geheimnisses machen, er darf uns verblüffen, er darf uns zum Lachen bringen – nur eines darf er nicht: Er darf uns nicht kalt und unberührt lassen. Wie muss so ein Satz beschaffen sein?

Was ist ein guter erster Satz?

Natürlich gibt es nicht den guten ersten Satz, sonst würde ja jedes Buch gleich beginnen und das wäre sehr langweilig. Es gibt viele gute erste Sätze – doch es gibt einige, die viel besser sind als viele andere.

Obwohl Leser unterschiedliche literarische Vorlieben haben, herrscht ein relativ hoher Grad der Übereinstimmung darüber, was ein guter erster Satz sei. Die Initiative Deutsche Sprache und die Stiftung Lesen haben 2007 einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben. Gesucht wurde der schönste erste Satz eines deutschsprachigen belletristischen Werkes. Mehr als 17.000 Menschen aller Altersgruppen aus 60 Ländern schickten ihre Favoriten ein und begründeten ihre Wahl. Ein wesentliches Kriterium für die Wahl der schönsten ersten Sätze war für die Jury die Begründung der Teilnehmer.

  1. Welche Erwartungen weckt der erste Satz?
  2. Welche Stimmung löst er aus?
  3. Hält das Buch, was der erste Satz verspricht?

Was meinen Sie: Welcher erster Satz ist der brillanteste in der deutschsprachigen Belletristik? Lesen Sie weiter:

Die schönsten ersten Sätze

Auf Platz 1 der schönsten ersten Sätze landete Günter Grass mit seinem Roman „Der Butt“. Sein erster Satz hat genau 3 Wörter. Er lautet: Ilsebill salzte nach. (1) Ein ungewöhnlicher Name (Ilsebill), den wir aus dem Märchen kennen; eine gewöhnliche, aber noch ungewisse Tätigkeit – wir wissen noch nicht, ob Ilsebill kocht oder ob sie eine von anderen zubereitete Mahlzeit isst. Auf jeden Fall schmeckt es ihr nicht. Wir wollen wissen warum. Zudem ist dieser erste Satz so kurz, dass wir ohnehin schon weiter gelesen haben … Das ist ein entscheidender Vorteil von kurzen ersten Sätzen!

Auch Max Frisch beginnt seinen Roman Stiller mit einem kurzen Satz: Ich bin nicht Stiller! (2) Dieser erste Satz ist genial, denn er enthält bereits die Quintessenz des gesamten Romans. Lässt sich in das Thema des Romans – „Identität“ – noch besser einführen? Ebenfalls kurz und gut ist der erste Satz, den Herman Melville als Einstieg für seinen Roman Moby Dick wählt: Nennt mich Ismael. (3) Gern, möchte man als Leser sagen und liest weiter.

Mit dem ersten Satz schlagen wir einen Ton an, wir stimmen den Leser ein. Bei Max Frisch ist es ein Aufschrei, bei Melville der Ton der Vertraulichkeit. Erste Sätze erzeugen Gefühle und Erwartungen. Franz Kafka ist ein Meister solcher erster Sätze, in denen man sofort die unterschwellige Bedrohung spürt. Mit seiner berühmten Eröffnung der Erzählung „Die Verwandlung“ belegt er Platz 2 im Wettbewerb um die schönsten Sätze. Wäre es nach der Mehrheit der Einsendungen und nicht nach den Begründungen gegangen, so wäre Kafkas Satz der brillanteste erste Satz der deutschsprachigen Belletristik in der Kategorie „Erwachsene“. Er lautet:

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ (4)

Ein Satz, der anfängt wie ein (beinahe) gewöhnlicher Morgen, und der – nur einige Worte später – als Albtraum endet. Das Schreckliche daran ist: Wir schlafen gar nicht mehr! Es ist das Grauen, das ganz und gar Unwahrscheinliche, das sich in diesem ersten Satz völlig realistisch und schnörkellos dem Leser naht. Wenn es diesem Gregor Samsa geschieht, kann es auch uns jederzeit ereilen. Vielleicht schon morgen … Wir müssen wissen, warum Gregor Samsa in dieser misslichen Lage ist, was er macht, was er denkt und fühlt, und ob er irgendwie unbeschadet aus dieser Geschichte herauskommt.

All diesen guten ersten Sätzen ist eines gemeinsam: Wir sind sofort mittendrin im Geschehen. Ob wir es wollen oder nicht. Keine Vorreden, keine Erklärungen, keine Einführungen. Ilsebill salzte nach. Zack!

(1) Günter Grass: Der Butt, 1977
(2) Max Frisch: Stiller, 1954
(3) Herman Melville: Moby Dick, 1851
(4) Franz Kafka: Die Verwandlung, 1915

Schlechte erste Sätze

Dass auch schlechte erste Sätze den Erfolg eines belletristischen Werkes nicht zwangsläufig verhindern, belegt die Tatsache, dass sich wesentlich mehr mittelmäßige und sogar schlechte erste Sätze finden lassen als gute. Was halten Sie von diesem ersten Satz?

„Ein dünner Blutfaden läuft die blasse Innenseite ihres Arms wie ein roter Saum auf einem weißen Ärmel hinunter.“ (5)

Vier Adjektive (dünn, blass, rot, weiß) und ein blutleeres Sprachbild, das zudem nicht sonderlich überrascht (roter Saum auf weißem Ärmel = Blut auf blassem Arm)! Ärmel und Arm sind zu nah beieinander, um aufregend zu sein. Dass die unglückliche Metapher kein Ausrutscher ist, beweist bereits der übernächste Satz, in welchem ein Tropfen Blut, der auf ein nacktes Bein fällt, „zerspritzt wie ein Feuerwerkskörper am nächtlichen Silvesterhimmel.“(5) Das klingt doch eher nach Kopfschuss, oder? In jedem Fall aber nach einem literarischen Selbstmordattentat. Was ist an dieser Metapher schlecht? Nun, machen Sie den (gedanklichen) Selbsttest: Stechen Sie sich in den Finger und lassen Sie einen Blutstropfen auf Ihr nacktes Bein herabfallen. Er wird gemächlich dort landen, sich ein wenig ausbreiten, vielleicht an den Rändern zerfransen. Nicht aber wird er „wie ein Feuerwerkskörper am nächtlichen Silvesterhimmel“ zerspritzen. Es sei denn, Sie haben Dynamit im Blut.

Es ist also die Präzision der Vorstellung, die unter anderem darüber entscheidet, ob eine Metapher gut und richtig ist. Wer sich an solchen sprachlich-gedanklichen Schlampereien nicht weiter stört, der kann sich vielleicht trotzdem mit dem zitierten Historienthriller gut unterhalten. Und wer sich wie Sie für die Kunst des Schreibens interessiert, der kann den Roman immer noch als gutes Beispiel für schlechten Stil und schwache Metaphern nutzen. In jedem Fall hält dieser Roman, was sein erster Satz verspricht!

Wie Sie als Autor peinliche Sprachbilder und abgedroschene Metaphern vermeiden, können Sie lernen. Fordern Sie gratis und unverbindlich Informationsmaterial zu den Lehrgängen „Die Große Schule des Schreibens“, „Roman-Werkstatt“und „Belletristik“ an.

(5) Kate Moose: Das verlorene Labyrinth, 2006

Wie fangen Sie’s als Autor an?

Gute erste Sätze halten sich nicht mit der Beschreibung und Schilderung der Vorgeschichte auf. Sie fesseln ihre Leser von Anfang an. Der perfekte erste Satz ist wie ein Sog oder wie der Sprung ins Wasser. Er katapultiert den Leser direkt hinein ins Geschehen.

Was bedeutet das für Sie als Autor? Der erste Satz ist für den Leser der erste Satz – nicht aber für Sie als Autor. Ihre Erzählung, Ihr Roman oder Ihre Kurzgeschichte fängt ja bereits weit vor dem ersten Satz an. Wahrscheinlich haben Sie sich schon lange Zeit mit dem Keim einer Geschichte beschäftigt, bevor Sie zu schreiben beginnen. Dieser Keim ist langsam gewachsen. Sie haben mit den Figuren Ihres Romans gelebt, bevor Sie mit dem Schreiben anfangen. Von der Idee bis zum fertigen Manuskript ist es ein langer Weg, und der beginnt fast niemals mit dem ersten Satz. Siehe auch roman-schreiben.de.

Natürlich wissen Autoren um die Magie des ersten Satzes und denken oft sehr lange über den Einstieg nach. Für den Autor ist aber die Frage „Wie fange ich an?“ zunächst nicht die Frage nach dem ersten Satz. Thomas Brussig, der als Autor um die Bedeutung brillanter erster Sätze weiß, plädiert dafür, diese nicht zu überschätzen. Von einer guten Fee vor die Wahl gestellt, ob er entweder die Gabe des Erste-Satz-Findens oder des Dialogschreibens besitzen wolle, würde er sich für die Fähigkeit des Dialogschreibens entscheiden und auch der Schaffung von psychologisch glaubwürdigen Charakteren den Vorzug geben. Denn „gelungene Dialoge, gelungene Wendungen oder gelungene Charaktere“ sind für ihn wichtiger als gute erste Sätze. Sie „geben dem Roman – neben vielem anderen – erst die Gestalt und machen das Lesen auf jeder Seite zum Vergnügen und zum Abenteuer.“ (6)

Vielleicht haben Sie als Autor – wie in vielen Märchen – ja nicht nur einen, sondern drei Wünsche frei? Dann sollten Sie versuchen gute Dialoge zu schreiben und glaubwürdige Charaktere zu entwickeln und gute erste Sätze zu finden. Entweder mit Hilfe einer guten Fee oder mit den Lehrgängen der „Schule des Schreibens“. Informieren Sie sich hier!

(6) Thomas Brussig: Erste Sätze schreiben, aus „Der schönste erste Satz“; hrsg. von der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen.

 

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